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Seit gut 5 Jahren kommt das implantations- und druckfreie ADHEAR Knochenleitungssystem bei Schalleitungsschwerhörigkeit und einseitiger Taubheit zum Einsatz. Es dient zur Behandlung von Mikrotie, Atresie, chronischen Mittelohrentzündungen u.v.m. Da ADHEAR implantationsfrei ist, können Kinder und Erwachsene, egal ob mit ein- oder beidseitigem Hörverlust, dieses Hörsystem jederzeit ausprobieren und erfahren im Idealfall eine deutliche Hörverbesserung binnen Sekunden. [1,2,3,4,5,6]

2017 begann eine Erfolgsgeschichte

Seit mittlerweile mehr als 5 Jahren können Menschen rund um den Globus dank ADHEAR besser hören. Aus Anlass dieses Jubiläums haben wir mit zwei von ihnen gesprochen: Hörakustikerin Giorgia Petri aus Italien und Juan Pablo, Assistenzarzt und Audiologe aus Mexiko. Das Spannende an diesen Interviews: Beide Gesprächspartner kennen sowohl die Experten- als auch die Nutzerperspektive aus erster Hand.

ADHEAR ist jetzt seit etwa fünf Jahren auf dem Markt. Erzählen Sie uns doch bitte ein bisschen darüber, wie Sie mit ADHEAR leben.

Giorgia Petri: Ich bin Hörspezialistin und arbeite viel mit Kindern. Um genau zu sein, habe ich in den vergangenen 15 Jahren fast ausschließlich mit Kindern gearbeitet – vom Säugling bis zum Jugendlichen. Mir hat ADHEAR sofort gefallen, weil es auf dem Markt deutlich weniger Knochenleitungssysteme als konventionelle Hörgeräte auf Luftleitungsbasis gab. ADHEAR war dementsprechend etwas ganz Neues.

Juan Pablo: Als medizinische Fachperson halte ich ADHEAR für eine ausgezeichnete Lösung für Menschen mit Schallleitungsschwerhörigkeit. Vor ADHEAR gab es im Grunde nur zwei Optionen: Knochenleitungsimplantate oder Knochenleitungsstirnbänder. Die erste Option ist für die Menschen in Lateinamerika oft zu kostspielig. Die Stirnbänder waren und sind dagegen relativ einfach zu bekommen, sie haben aber gravierende Nachteile. Zum einen sind sie sehr auffällig: Viele Kinder und Jugendliche, vor allem die Burschen, tragen sie deshalb nicht. Zum anderen ist die Klangqualität nicht besonders gut und der Druck auf die Haut unangenehm, mitunter sogar schmerzhaft.

Für viele Kinder ist ADHEAR wirklich eine Revolution, da es besser aussieht und weniger kostet als eine implantierbare Lösung. ADHEAR hat sich durchgesetzt, weil es einfach zu verwenden ist, optisch diskret daherkommt und besseres Hören liefert als ein KL-Stirnband.

Als Nutzer kann ich sagen, dass die Hörqualität besser ist als mit einem Stirnband. Mit ADHEAR tue ich mir leichter, mit mehreren Personen gleichzeitig zu sprechen, weil ich ihre Stimmen besser unterscheiden kann. Diesen Vorteil habe ich vor allem in den vergangenen Pandemiejahren bemerkt, als viele Menschen mit Hörverlust Schwierigkeiten hatten, mit anderen Personen, die Masken trugen, zu kommunizieren. (Zu diesem Thema empfehlen wir den MED-EL Blogartikel „Wie sich die akustischen Auswirkungen des Mund-Nasen-Schutzes in der Implantatanpassung abmildern lassen“.) Darüber hinaus spüre ich, seit ich ADHEAR verwende, nicht mehr diesen Druck rund um mein Ohr, der bei mir häufig Kopfschmerzen verursacht hat.

Was erleben Sie in Ihrer täglichen Arbeit mit den ganz jungen ADHEAR Nutzer*innen?

Giorgia Petri: Es gibt zum Beispiel eine herzerwärmende Geschichte eines 4-jährigen Buben mit Atresie auf der einen und Mikrotie auf der anderen Seite. Nachdem er auf beiden Seiten ADHEAR erhalten hatte, schaute er sich sofort seinen Lieblingstrickfilm an. Er tanzte zur Musik, die er jetzt endlich klar hören konnte, durch den ganzen Raum.

Juan Pablo: Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir ADHEAR bei einem 5 Monate alten Säugling mit bilateraler Mikrotie getestet haben und dieser auf die auditorischen Reize mit einer derartigen Freude reagiert hat – ganz anders als die mitunter etwas erschrockene Reaktion der meisten Menschen, die zum ersten Mal hören. Das Baby hat laut losgelacht, als es erstmals die Stimme seiner Mutter hörte.

Jetzt fällt mir eine weitere nette Geschichte zu einem Buben mit Mikrotie ein, der zwei ADHEAR Systeme erhielt. Seine Mutter hat berichtet, dass er nach dem ersten Termin zuhause sofort auf die Toilette gegangen sei und direkt danach gerufen habe: „Mama, es macht ein Geräusch, wenn ich pinkle. Es macht ein Geräusch!“ Die Mutter hatte Tränen in den Augen, als sie mir das erzählte.

Wie alt sind Ihre jüngsten und ältesten ADHEAR Patient*innen?

Giorgia Petri: Der jüngste ADHEAR Nutzer ist 3 Jahre alt, die älteste geht bereits auf die Uni. Sie ist eine attraktive junge Frau, die aufgrund ihrer Atresie und mangels eines Hörgeräts während ihrer gesamten Schulzeit nur mit einem Ohr gehört hat. Das hat zwar funktioniert, wir wissen aber, dass beidseitiges Hören in bestimmten Situationen sehr wichtig ist. Sie hat das vor allem zu Beginn ihrer Studienzeit in großen Hörsälen bemerkt und sich deshalb dazu entschlossen, ADHEAR auszuprobieren. Schon beim allerersten Test zur Wahrnehmung von Sprache im Störschall hat sie eine Verbesserung von 3 dB erreicht.

Juan Pablo: Mein bisherigen ADHEAR Patient*innen waren zwischen 5 Monaten und 33 Jahren alt.

Wie hat sich das Leben dieser Personen dank ADHEAR verändert? Können Sie uns eine exemplarische Patientengeschichte erzählen?

Giorgia Petri: Flavio kam mit 4 Jahren aufgrund einer unilateralen Atresie in Behandlung. Zusätzlich wies das kontralaterale Ohr eine Schallleitungsstörung auf: eine vermutete Malformation im Mittelohr sowie Verschleimungen, die sich medikamentös nicht in den Griff bekommen ließen. Zuerst wurde entschieden, nur die atretische Seite mit einem ADHEAR zu versorgen. Nach einem weiteren Termin beschlossen wir dann, ihn beidseitig mit ADHEAR zu versorgen. Die Audiometrie sollte uns recht geben. Flavio kommt nach wie vor wunderbar zurecht und trägt seine ADHEAR Prozessoren den ganzen Tag.

Juan Pablo: Ich möchte an dieser Stelle gern meine eigene Geschichte als Audiologe und Patient erzählen. Meine erste große Herausforderung mit ADHEAR war, mich von der Idee zu verabschieden, dass zum Hören ein hoher Anpressdruck notwendig ist. Ich kannte ja bis dato nur das Knochenleitungsstirnband, das mit hohem Druck arbeitet. Ich hatte mir angewöhnt, mit der Hand auf das Gerät zu drücken, um den Druck zusätzlich zu erhöhen, wenn ich etwas ganz genau hören wollte. Dementsprechend hat es sich für mich zu Beginn sehr ungewohnt angefühlt, wie ADHEAR ohne Druck und Schmerzen arbeitet und dennoch deutliches Hören liefert. Diese fantastische Erfindung hat meine Art zu hören völlig verändert.

Darüber hinaus hat ADHEAR ein weiteres Problem für mich gelöst, das auf den ersten Blick trivial klingen mag: Es ist wesentlich kleiner als das große, sperrige Stirnband mit dem eingebauten Prozessor. Ich wusste oft nicht, wo ich das Stirnband verstauen sollte, wenn ich es z. B. beim Sport oder einem Regenguss kurz abnahm, um es vor einer Beschädigung zu schützen. Und genau das ist mir einmal in einem Park passiert. Plötzlich begann es heftig zu regnen und ich hatte keine Möglichkeit, mich unterzustellen oder das KL-Stirnband einzustecken. ADHEAR lässt sich ganz einfach in einem Beutelchen in der Hosentasche verstauen. Es mag unwichtig klingen, macht aber im Alltag einen großen Unterschied.

Neben Schallleitungsschwerhörigkeit ist einseitige Taubheit (Single-Sided Deafness, SSD) eine der Indikationen für ADHEAR. Welche Erfahrungen haben Sie in Bezug auf die SSD-Therapie gemacht?

Giorgia Petri: Spontan fallen mir zwei Patienten ein: Ein 4-jähriges Kind und eine 12-jährige Jugendliche. Beide zeigen mit ADHEAR großartige Resultate. Meiner Meinung nach erfordern auch Fälle von SSD eine möglichst rasche Intervention – je früher, desto besser.

Juan Pablo: Wir haben sehr gute Erfahrungen bei SSD-Patient*innen gemacht. Wir können ihnen bilaterales Hören ermöglichen, ohne dass das gesunde Ohr in irgendeiner Weise berührt oder obstruiert wird. Unsere Nutzer aus ganz unterschiedlichen Altersgruppen sind sehr zufrieden mit ADHEAR und geben dieser Lösung gegenüber CROS-Hörgeräten den Vorzug.

Der Alltag mit ADHEAR

ADHEAR Hörsystem bei Schallleitungsschwerhörigkeit und einseitiger Taubheit

Stellen Sie fest, dass sich der Übergang vom Kindes- zum Jugendalter auf die Tragedauer und allgemein auf den Umgang mit dem ADHEAR System auswirkt?

Giorgia Petri: Wenn Kinder mit einer leichteren Form des Hörverlusts älter werden, artikulieren sie manchmal, dass sie ihr Knochenleitungsgerät nicht mehr tragen möchten. Interessanterweise sind es häufig die Eltern, die Schwierigkeiten mit dem Gerät haben und nach diskreteren Lösungen zu suchen beginnen. Im Bereich der „klassischen“, akustisch verstärkenden Luftleitungshörgeräte lassen sich diese Wünsche erfüllen. Aufseiten der Knochenleitungshörgeräte ist das nicht so einfach: Sie sind größer und auffälliger, was einen negativen Effekt auf die Tragedauer haben kann.

Juan Pablo: Gerade in der Pubertät legen die Jugendlichen mehr Wert auf Äußerlichkeiten, weshalb sie Hörgeräte zum Teil verweigern. Wir sehen das speziell in der Schule, wo es manchen peinlich zu sein scheint, eine sichtbare Hörhilfe zu tragen. Diesem Phänomen müssen wir überlegt und behutsam begegnen. Es ist entscheidend, allen Beteiligten klar zu machen, dass es ungeachtet der Optik wichtig ist, das Gerät möglichst viel zu tragen, um einer Verschlechterung der Hör- und Sprechfähigkeit entgegenzuwirken. Gehörlosigkeit fällt deutlich stärker auf als ein Hörsystem am Ohr. Wir können nicht verhindern, dass Menschen einen Blick auf das Hörsystem werfen – sehr wohl aber können wir verhindern, dass sich die Hör- und Kommunikationsfähigkeit verschlechtert. Erwachsene tragen ihr Knochenleitungssystem üblicherweise mehr, weil sie kapiert haben, wie sehr es ihnen dabei hilft, zu kommunizieren, Beziehungen zu pflegen oder die Nachrichten zu verstehen.

Worin liegen für die Nutzer*innen bzw. deren Eltern die Hauptvorteile von ADHEAR?

Giorgia Petri: Die Anbringung mittels Klebeadapter ist entscheidend, zumal in vielen Fällen die Ohrmuschel teilweise oder zur Gänze fehlt. Mit ADHEAR gibt es ein Knochenleitungssystem, das weder an der Brille noch an einem Haar- oder Stirnband befestigt ist. Halt und Leistung von ADHEAR sind optimal. Beim Sport, oder wenn die Kinder noch sehr klein sind, bietet ADHEAR die Möglichkeit, ein Stirnband zur zusätzlichen Befestigung zu tragen. In manchen Fällen habe ich auf diese Lösung zurückgegriffen.

Juan Pablo: Meistens sind die Eltern überglücklich, wenn sie den großen Schritt in der Persönlichkeitsentwicklung ihres Kindes feststellen und bemerken, dass ihr Kind besser auf akustische Reize reagiert. Am meisten offenbart sich das in den ersten Tagen mit ADHEAR: Die Eltern sind da oft sehr emotional, manche von ihnen haben mir gesagt, dass sie so richtig realisiert haben, wie gut ihr Kind nun hört, als es ständig fragte: „Warum?“. Darüber hinaus sind die Kinder besser in der Lage, mit ihren Altersgenossen zu sprechen und zu interagieren.

Wie beurteilen Sie ADHEAR als Ergänzung des MED-EL Produktportfolios?

Giorgia Petri: Es ist großartig, auch auf nicht invasive Hörlösungen zurückgreifen zu können.

Juan Pablo: Ich sehe einen großen Nutzen darin, dass ADHEAR speziell entwickelt wurde, um Menschen mit Hörverlust eine noch bessere Hörqualität zu liefern. Zudem ist es relativ leicht zu bekommen, nicht zu teuer und sehr einfach zu verwenden. Menschen, für die ein chirurgischer Eingriff aus Geld-, Zeit- oder Angstgründen keine Option ist, erhalten so eine wirklich revolutionäre Lösung. ADHEAR ist besser als andere verfügbare Systeme, bei denen es sich im Prinzip um auf Knochenleitung umgebaute Hörgeräte handelt (z. B. KL-Stirnbänder). Da diese ursprünglich für andere Zwecke entwickelt wurden, geht ihre Klangverarbeitung mit einem bestimmten Maß an Einschränkungen, Verlust und Verzerrung einher.

Vielen Dank für das Interview! 

Auswahlkriterien für das ADHEAR System

Die Kandidat*innen verfügen über Knochenleitungsschwellen von max. 25 dB HL (Frequenzbereich 500-4.000 Hz). Bei einseitiger Taubheit ist normales Hören im gegenüberliegenden Ohr Voraussetzung für eine Versorgung mit ADHEAR.

Die Schallleitungsschwerhörigkeit kann auf ganz unterschiedliche Ursachen zurückgehen:

  • Mikrotie oder Atresie
  • Kraniofaziale Fehlbildungen
  • Geschädigte Gehörknöchelchen
  • Otosklerose
  • Gehörgangsstenose
  • Chronische Trommelfellperforation
  • Chronische Tubenfunktionsstörung
  • Chronische Otitis externa
  • Chronische muköse Otitis media (Paukenerguss, Glue Ear)
  • Chronische Anhäufung von Cerumen

Weitere Materialien zu ADHEAR

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Referenzen

[1] Ratuszniak, A., Osinska, K., Koziel, M., Krol, B., Cywka, K. B., & Skarzynski, H. (2019). A Comparative Study of a Novel Adhesive Bone Conduction Device and Conventional Treatment Options for Conductive Hearing Loss. Otology & Neurotology, 40(7), 858–864. https://doi.org/10.1097/mao.0000000000002323

[2] Gawliczek, T., Munzinger, F., Anschuetz, L., Caversaccio, M., Kompis, M., & Wimmer, W. (2018). Unilateral and Bilateral Audiological Benefit With an Adhesively Attached, Noninvasive Bone Conduction Hearing System Otology &Amp; Neurotology, 39(8), 1025–1030. https://doi.org/10.1097/mao.0000000000001924

[3] Brill, I. T., Brill, S., & Stark, T. (2019). Neue Möglichkeiten der Rehabilitation bei Schallleitungsschwerhörigkeit. HNO, 67(9), 698–705. https://doi.org/10.1007/s00106-019-0685-8

[4] Favoreel, A., Heuninck, E., & Mansbach, A. L. (2020). Audiological benefit and subjective satisfaction of children with the ADHEAR audio processor and adhesive adapter. International Journal of Pediatric Otorhinolaryngology, 129, 109729. https://doi.org/10.1016/j.ijporl.2019.109729

[5] MED-EL. (2020). The ADHEAR System – Review of clinical evidence and user satisfaction, rev. 1.2.

[6] Neumann, K., Thomas, J. P., Voelter, C., & Dazert, S. (2019). A new adhesive bone conduction hearing system effectively treats conductive hearing loss in children. International Journal of Pediatric Otorhinolaryngology, 122, 117–125. https://doi.org/10.1016/j.ijporl.2019.03.014

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