in Audiologie, Chirurgie

Heute widmen wir uns einem ganz besonderen Fallbericht aus dem stetig wachsenden Online-Archiv der MED-EL Surgical Video Library: Es geht um die – verglichen mit anderen Hörimplantaten – relativ seltene Implantation eines Hirnstammimplantats (Auditory Brainstem Implant, ABI). Ein solches Implantat kommt zum Einsatz, wenn eine retrocochleäre bzw. neurale Hörstörung vorliegt, also der Hörnerv nicht in der Lage ist, Signale vom Ohr zum Gehirn zu transportieren. Anders als beispielsweise eine Cochlea-Implantation handelt es sich beim Einsetzen des Hirnstammimplantats nicht um einen otologischen, sondern um einen neurochirurgischen Eingriff. In diesem Operationsmitschnitt können Sie die einzelnen, von Prof. Robert Behr ausgeführten chirurgischen Schritte im Detail nachvollziehen.

Eckdaten zur Implantation:

  • Patient zum Zeitpunkt der OP 33 Jahre alt
  • Diagnose: beidseitige Taubheit aufgrund von NF 2
  • SYNCHRONY Hirnstammimplantat von MED-EL
  • Tumorentfernung zeitgleich mit der Implantation

Gravierende Beeinträchtigung

Beim Patienten handelt es sich um einen Mann mit Neurofibromatose Typ 2. Nachdem sich sein Gehör zunehmend verschlechtert hatte, ertaubte er mit 18 Jahren auf der rechten Seite zur Gänze. Im Zuge mehrerer Operationen wurden rechtsseitig Tumore entfernt. Der Patient hörte nur noch mit dem verbliebenen Gehör auf der linken Seite, wo wechselnde, immer stärkere Hörgeräte zum Einsatz kamen.

Schließlich führte ein konstant wachsender Tumor aber dazu, dass auch dieses Resthörvermögen verloren ging. Im Alter von 32 Jahren war der Patient vollständig ertaubt – mit gravierenden Folgen: „Die Taubheit hat mein privates und berufliches Leben schwer beeinträchtigt. Ich musste meine sozialen Kontakte stark reduzieren und hatte in der Arbeit das Gefühl, weniger wert zu sein“, erinnert er sich.

ABI Operation mit speziellen Herausforderungen

Die Implantation durch Prof. Robert Behr am Klinikum Fulda erfolgte etwa eineinhalb Jahre nach der Diagnose der Taubheit. Im Zuge der Operation wurde der Tumor entfernt und ein Hirnstammimplantat eingesetzt. Dabei ergaben sich laut Prof. Behr zwei zentrale Herausforderungen:

  1. Erhalt des Gesichtsnervs:

Da der Patient bereits halbseitig eine Gesichtslähmung hatte, lag großes Augenmerk darauf, im Zuge der Tumorentfernung keine Schädigung der Nerven- und Muskelfunktion der gesunden Gesichtshälfte herbeizuführen. Eine vollständige Fazialisparese würde gravierende Auswirkungen auf Mimik, Schlucken etc. nach sich ziehen.

  1. Position und Größe des Tumors:

Der Tumor hatte einen Durchmesser von etwa 3 cm und übte Druck auf den Hirnstamm aus. Zudem war er in den Recessus lateralis gewachsen, was die chirurgische Platzierung des Hirnstammimplantats erschwerte.

ABI Hirnstammimplantat

„Sehr glücklich über diese Entscheidung“

Bei allen Herausforderungen verlief die Operation äußerst erfolgreich: Wenige Wochen nach der Aktivierung des Hirnstammimplantats war der Patient bereits in der Lage, unterschiedliche Geräusche, z.B. Glocken, Autohupen, Klingeltöne oder Vogelzwitschern, wahrzunehmen. Einige Monate später konnte er einzelne Wörter und sogar einfache Sätze – gesprochen von Menschen aus seinem näheren Umfeld – unterscheiden.

“Es dauerte ungefähr ein halbes Jahr, bis ich mit Freunden und Kollegen wieder einigermaßen gut kommunizieren konnte“, blickt der Patient zurück. „Natürlich gibt es noch Einschränkungen: Ich benötige eine ruhige Umgebung, muss mein Gegenüber sehen und bin auf eine deutliche Aussprache angewiesen. Das Hirnstammimplantat hat mein Leben aber auf jeden Fall verbessert. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, ohne das Implantat zu leben. Ich bin sehr glücklich, dass ich diese Entscheidung getroffen habe.“

Was Sie in diesem ABI Video zu sehen bekommen

Das Operationsvideo ist in folgende Kapitel bzw. chirurgische Schritte gegliedert:

  • Inzision
  • Kraniotomie
  • Eröffnung der Dura, Dissektion des Tumors
  • Dissektion von Arachnoidea, Gesichtsnerv und unterem Hirnnerv sowie Debulking des Tumors
  • Entfernung des Tumors von Hirnstamm und Gesichtsnerv
  • Management von Nerven, Gefäßen, Recessus lateralis und Entfernung seitlicher Tumorteile
  • Erweiterung des Zugangs durch Anbohren der hinteren Wand des inneren Gehörgangs
  • Endgültige Entfernung des Tumors aus dem Gehörgang
  • Verschluss des inneren Gehörgangs mit Muskel, Identifikation und Eröffnung des Recessus lateralis
  • Vorbereitung des Implantatbetts
  • ABI Platzierung, intraoperative Messung, Fixierung des Implantatgehäuses
  • Insertion des ABI Elektrodenträgers
  • Fixierung des ABI Elektrodenträgers
  • Entfernung der Platinbrücke, Duraverschluss und Fixierung des Knochenlappens
  • Wiederanlegen des Shunts und Wundverschluss

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